Meine Praxis, deine Praxis

Wenn eine Praxis den Besitzer wechselt, ist das für alle Beteiligten ein emotionales Ereignis. Wie erleben Abgeber und Abnehmer diese Ausnahmesituation? Wir haben eine Übergabe begleitet.

Von Michael Aust

Ein weiß getünchtes Haus, etwas versetzt hinter gepflegten Büschen. Drei Stufen, die zu einer schweren braunen Tür führen. Dahinter: ein Treppenhaus und zwei Stockwerke, die sich über 130 Quadratmeter ausbreiten. Ein Empfang, zwei Wartezimmer, Behandlungsräume, Teeküche und WCs. In dieser Praxis im Ortskern von Goch am Niederrhein haben die Hausärzte Dr. Lutz und Dr. Gabriele Partenheimer 34 Jahre lang gemeinsam praktiziert. Anfang 2020 hat Dr. Rodica Prodan ihren Kassensitz übernommen, im April auch die Praxisräume.

DIE ABGEBER:
Dres. Gabriele (64) und Lutz Partenheimer (65)


DIE IDEE
Die Vorstellung, irgendwann mal keinen Abnehmer für ihre Praxis im ländlichen Goch zu finden, treibt das Ehepaar Lutz und Gabriele Partenheimer schon seit ein paar Jahren um. Zwar nie konkret, aber immer mal wieder. Vor allem seit klar ist, dass ihre Tochter Anne, die als Ärztin in der Schweiz arbeitet, die elterliche Praxis nicht übernehmen wird. Ihnen sei bewusst, dass der Trend gegen die Niederlassung geht, sagt Dr. Lutz Partenheimer: „Heute wollen viele Ärzte lieber als Angestellte arbeiten, mit festen Urlaubszeiten, einem festen Gehalt und wenig Verantwortung.“ Doppelt schwer sei es, auf dem Land einen Nachfolger zu bekommen.

DIE SUCHE
Als im Frühjahr 2017 plötzlich ein Interessent in der Praxis steht, sind die beiden überrascht. Der junge Arzt wirkt nett – doch die Partenheimers wollen noch etwas warten: „Wir haben kalte Füße bekommen. Uns war das einfach noch zu früh.“ Eine Weile gerät das Thema Abgabe aus dem Blick – bis eine befreundete Apothekerin den Kontakt zu ihrem apoBank-Berater vermittelt. „Sie sagte: Ruf doch da mal an, die haben eine Praxis- und Apothekenbörse“, erinnert sich Dr. Gabriele Partenheimer. Das Ehepaar machte Fotos von der Praxis und schickte sie an die Praxisbörse. „Irgendwann rief mich dann die Beraterin von Frau Prodan an. Sie meinte: Ich glaube, ich habe da jemanden für Sie.“

DAS ERSTE TREFFEN
Im April 2019 ruft Gabriele Partenheimer Rodica Prodan an. „Nach dem Gespräch dachte ich: Das wird doch nichts. Eine einzelne Ärztin, die eine so große Praxis übernehmen will?“ Das erste Treffen findet an einem Mittwochmittag statt. „Frau Prodan hat sich alles angeschaut, mit den Sprechstundenhilfen geredet, und dann haben wir uns noch länger zu dritt unterhalten“, erinnert sich Lutz Partenheimer. Auf ihn und seine Frau macht der zupackende Auftritt der Kollegin Eindruck. „Wir wussten sofort, dass sie ein Sechser im Lotto wäre. Aber wir waren noch skeptisch – auch, um bei einer Absage nicht zu enttäuscht zu sein“, sagt Gabriele Partenheimer.

DIE ENTSCHEIDUNG
Nach dem ersten Treffen gibt es eine längere Pause. Über Wochen hören die Praxisinhaber nichts von der Interessentin. Die Praxisabgabe ist für die Partenheimers in dieser Phase so etwas wie Verliebtsein: Welche Zeichen gibt die andere? Ist sie immer noch interessiert? Das entscheidende Signal gibt die junge Ärztin im November. Da hospitiert sie bereits seit ein paar Wochen in der Praxis. „Wir waren gerade bei einer Behandlung, als eine ältere Patientin sie fragte: ‚Möchten Sie wirklich übernehmen?‘“, erinnert sich Gabriele Partenheimer. „Da habe ich sie angeguckt – und sie hat genickt.“ Ende November ist die Sache dann klar. „Es war Montagmittag, wir waren gerade auf dem Sprung zu unseren Hausbesuchen, als sie es uns gesagt hat“, erinnert sich Gabriele Partenheimer. „Da habe ich sie spontan in den Arm genommen.“

DIE ÜBERGABE
Die letzten Tage in der Praxis sind für das Ehepaar Partenheimer emotional. Patienten nehmen das Ärztepaar in den Arm, ein Kind bringt Gabriele Partenheimer Blumen mit – „weil du uns immer so schön geimpft hast“. „Es fühlte sich an wie Achterbahn: hoch und runter. Kein Wunder, wir waren ja 34 Jahre hier“, sagt Lutz Partenheimer. Auf die freie Zeit freue er sich zwar. Aber es schwingt auch Unsicherheit mit. „Das Gefühl, gebraucht zu werden, wird mir fehlen.“ Für ihre Nachfolgerin wollen beide ansprechbar bleiben. Außerdem die Tochter in der Schweiz öfter besuchen und Gabrieles Elternhaus renovieren, das neben der Praxis steht. Nach uns die Sintflut? Das käme für das Ärztepaar Partenheimer nicht infrage.

CORONA
Gut ein halbes Jahr später ist die Welt eine andere: Die Corona-Pandemie hat Deutschland fest im Griff. In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes Pflicht, Hygienemaßnahmen sind strenger. Reisen, wie die Partenheimer es sich gedacht haben, zeitweise unmöglich. „Ehrlich gesagt, hab ich schon ein paar Mal gedacht, ‚gut, dass wir das nicht mehr in der Praxis mitmachen‘“, sagt Gabriele Partenheimer. Sie und ihr Mann stehen Rodica Prodan bei Bedarf beratend zur Seite, wie kürzlich bei einer Abrechnungsfrage. Aber Patientenkontakt hatten sie seit der Praxisabgabe keinen mehr. „Der Aufwand bei Behandlungen ist durch die Schutzmaßnahmen viel höher.“ Die Pandemie sowie positive Rückmeldungen zur Arbeit der Nachfolgerin durch ehemalige Patienten bestätigen beide in dem Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

DIE ABNEHMERIN:
Dr. Rodica Prodan (38)

DIE IDEE
Eine alleinerziehende Mutter übernimmt eine Hausarztpraxis mit 2.400 Patienten, die vorher von zwei Ärzten geführt wurde? Wer Dr. Rodica Prodan fragt, warum sie sich das antut, bekommt eine klare Antwort: „Ich wollte schon immer meine eigene Chefin sein.“ Die 38-Jährige ist mit diesem Wunsch eine Ausnahme. Seit Jahren entscheiden sich immer weniger junge Ärzte für die Selbständigkeit, wie die apoBank-Umfrage „Inside Heilberufe II“ zeigt. Dabei hätten Abnehmer eine große Auswahl und gute Verhandlungsposition: In den kommenden Jahren wollen mehr als 30 Prozent der Niedergelassenen ihre Praxissitze abgeben. Es allein schaffen – das war für die 1982 an der rumänischen Schwarzmeerküste geborene Prodan auch der Antrieb, es in Deutschland als Ärztin zu versuchen. Im April 2012 kommt sie nach Düsseldorf, macht vier Monate einen Sprachkurs, legt 2013 die deutsche Approbation ab. Nach einer Hospitation in einer Klinik arbeitet sie als angestellte Ärztin, zuletzt in Bedburg-Hau, einem Nachbarort von Goch an der niederländischen Grenze. „Dann kam Amalia zur Welt. Und ich habe festgestellt, dass sich Muttersein schlecht mit Nachtdiensten verträgt“, sagt Prodan. Anfang 2019 fängt sie an, sich nach einer eigenen Praxis umzuschauen.

DIE SUCHE
Sie macht eine Liste mit Auswahlkriterien. „Wie groß ist die Praxis? Welche Patientenfeedbacks gibt es online? Wie ist die Patientenstruktur?“ Sie googelt, scannt Anzeigen in Ärzteblättern, vereinbart Termine. Eine Erkenntnis aus dieser Zeit: Der wichtigste Aspekt steht gar nicht auf ihrer Liste. „Manchmal hat eine Praxis zwar logisch gepasst, aber ich hatte kein gutes Bauchgefühl.“ Insgesamt zehn Praxen besichtigt Prodan. Der Kontakt in Goch kommt über ihre apoBank-Beraterin zustande. „Sie hat von der Praxisbörse der apoBank erzählt und fragte, ob sie meine Telefonnummer an potenzielle Abgeber weiterreichen darf.“ Prodan stimmt zu.

DAS ERSTE TREFFEN
Im April klingelt Rodica Prodans Handy. Die Anruferin: Gabriele Partenheimer. Es gäbe da eine Praxis zur Abgabe. Eine Woche später trifft sie sich mit dem Ehepaar Partenheimer in Goch. Das Bauchgefühl ist gut. „Ich habe sofort gemerkt: Die Partenheimers sind Kontaktmenschen wie ich.“ Es folgen E-Mails und Telefonate – und einige Monate Bedenkzeit. „Ich hatte damals meine Stelle noch nicht gekündigt und wollte erstmal in den Urlaub fahren, um über alles nachzudenken“, sagt Prodan. Die Größe der Praxis flößt ihr Respekt ein. Sie fragt befreundete Mediziner, ob sie sich vorstellen können, sich zusammen mit ihr niederzulassen – aber keiner will nach Goch. Dann stößt sie auf ein Förderangebot: Der Kreis Kleve vergütet Ärzten, die über eine Niederlassung nachdenken, vier Wochen Hospitation. Prodan schlägt Lutz und Gabriele Partenheimer vor, einen Monat bei ihnen mitzuarbeiten. Während der Zeit schaut sie bei Behandlungen über die Schulter, lernt die Sprechstundenhilfen kennen, hilft bei der Organisation. Selbst therapieren darf sie als Hospitantin nicht. Und sie weiß: Die Partenheimers warten auf eine Entscheidung. 

DIE ENTSCHEIDUNG
„Ende November habe ich dann gesagt: Ich übernehme! Ziemlich spät – ich weiß“, sagt Prodan. Die Sprechstunde ist gerade vorbei, als sie Gabriele und Lutz Partenheimer „zwischen Tür und Angel“ über ihre Lebensentscheidung informiert. „Die beiden haben sich sehr gefreut. Frau Partenheimer hat mich gedrückt“, erinnert sich Prodan.

DIE ÜBERGABE
Prodan: „Wir haben vereinbart, dass ich im April übernehme und wir vorher für eine Übergangszeit zusammenarbeiten.“ Im Januar bezieht Rodica Prodan ein Behandlungszimmer. Ein Aushang informiert die Patienten über „die Neue“. Die reagieren interessiert – und haben vor allem eine Frage. „Fast alle wollten wissen, wie alt ich bin“, sagt die 38-Jährige. „Ich hab das als Kompliment genommen.“ Sie begleitet die Partenheimers auch auf Hausbesuchen. Für die Klinikärztin eine ganz andere Art des Arbeitens. Auch sonst hält der Praxisalltag neue Herausforderungen bereit. Das Management traue sie sich als Unternehmertochter zu, sagt Prodan, aber sie habe Respekt vor der Bürokratie. Außerdem plant sie, künftig Akupunktur anzubieten und Chiropraktik sowie Homöopathie. Kinderheilkunde, wie Gabriele Partenheimer sie angeboten hat, fällt dafür weg. Sie fragt sich, wie die Patienten wohl reagieren: „Statistiken zeigen, dass sich ein Drittel bei einem Wechsel einen neuen Hausarzt sucht.“ Sie hat sich fest vorgenommen, diese Zahlen zu widerlegen.

CORONA
Im Frühjahr 2020 – just zum Zeitpunkt der Übergabe – spitzt sich die Corona-Pandemie zu. Aus Angst vor einer Ansteckung gehen viele während des Corona-Lockdowns nicht mehr zum Arzt. „Ich war froh, dass ich Ende März für den Umbau der Praxis sowieso zwei Wochen geschlossen hatte“, erinnert sich Prodan. Statt renovieren und neue Bilder aufhängen steht die Beschaffung von Schutzausrüstung im Vordergrund. „Ich habe aber nicht groß gehadert, sondern einfach gemacht – ich bin eher ein pragmatischer Mensch.“ Nach Ende des Lockdowns kommen die Patienten sofort wieder – und zwar genauso zahlreich wie vorher, wie die Quartalsabrechnungen zeigen. Der Start im New Normal ist geglückt, der Draht zum Ehepaar Partenheimer sehr gut: „Wir telefonieren häufig – aber zu nichtmedizinischen Themen.“ Rodica Prodan hat ihr Ziel erreicht: Sie ist Chefin ihrer eigenen Praxis.

PLATZ FREI!

Viele Praxen suchen einen Nachfolger – aber es mangelt an Gründern


Interview

BEFREIENDES GEFÜHL“

Apotheker Dominik Bauer über seinen Wechsel in die eigene Offizin

Sie haben gerade mit Ihrem Bruder die beiden Apotheken Ihres Vaters übernommen. Wie fühlt es sich an, ein Familienunternehmen weiterzuführen?
Oftmals noch ungewohnt. Ich muss mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass ich nun der Entscheidungsträger bin. Es ist aber auch ein befreiendes Gefühl. Man ist nun sein eigener Chef – mit allen Freiheiten und der Verantwortung, die damit verbunden sind. Dass ich den Weg der Selbständigkeit gemeinsam mit meinem Bruder gehen kann, sehe ich als großen Vorteil. So können wir uns bei wichtigen Entscheidungen besprechen.

War immer klar, dass Sie eine der Offizinen irgendwann übernehmen?
Mein Bruder und ich hatten das große Glück, nach dem Studium freie Hand zu haben. So konnten wir ganz unterschiedliche pharmazeutische Tätigkeitsfelder kennenlernen: angefangen bei der Patientenversorgung durch die öffentliche Apotheke über Lehrtätigkeiten an Universitäten bis zur klinischen Pharmazie in der stationären Patientenversorgung. Ich durfte vier Jahre lang als Stationsapotheker am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München auf der Palliativstation arbeiten. Das hat mich sehr geprägt. Man kann sagen: Ich habe erst in aller Ruhe die Alternativen zur Offizin abgewogen.

Was hat dann den Ausschlag gegeben?
Nach Abschluss meiner Promotion musste ich die Entscheidung treffen, wohin es fortan gehen soll. Das Arbeiten in der stationären Patientenversorgung im multiprofessionellen Team hat mir viel Freude bereitet. Aber ich habe auch gespürt, dass ich gerne mehr Verantwortung übernehmen möchte – letztlich war das der Grund.

Welche Herausforderungen gab es bei der Übergabe?
Rückblickend war vor allem die Aktualisierung unserer Firmendaten bei unseren Lieferanten durchaus herausfordernd. In Erinnerung geblieben sind mir die vielen unterschiedlichen Schreibweisen unserer Firmierung auf den Lieferscheinen oder Rechnungen. Die „Dominik Apotheken OHG“ gefiel mir dabei natürlich am besten. Davon konnte ich meinen Bruder aber nicht überzeugen.

Was sagt Ihr Vater dazu, nach Jahren als Eigentümer jetzt angestellt zu sein?
Ich spüre, dass ihm das etwas stressfreiere Arbeiten guttut. Er nutzt nun die Mittagspausen für längere Spaziergänge mit unserem Hund an der frischen Luft. Ich glaube, er fühlt sich in seiner Beraterrolle wohl.

Worauf sollten Pharmazeuten achten, die überlegen, eine Apotheke zu übernehmen?
Mein Rat wäre, zunächst möglichst viele Erfahrungen in allen Bereichen zu sammeln. Rückblickend empfinde ich nichts als wertvoller. Die Erfahrungen bestätigen mich auch an langen oder schwierigen Tagen darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Zudem muss man einem Traum auch Taten folgen lassen: Entscheidungen zu treffen ist wichtiger, als bis ins kleinste Detail zu planen.

DR. DOMINIK BAUER, 36, leitet zusammen mit seinem Bruder Tobias die Marien-Apotheken im oberfränkischen Marktredwitz.