Diagnosen vom Avatar

Künstliche Intelligenz (KI) wird die Heilberufe verändern. Wie radikal, darüber streiten zwei Experten.

PRO

Von Dr. Med. Markus Müschenich

Künstliche Intelligenz (KI) ist schon jetzt ein ernstzu­nehmender Wettbewerber für Ärzte. Das ist kein Marketing­Sprech von Google, das ist Realität und durch Studien belegt. In der Diagnostik etwa sind KI-Tools dem Menschen bereits in vielen Bereichen überlegen: zum Beispiel bei der Untersuchung des Augenhintergrunds. Augenärzte können am Augenhintergrund die unterschiedlichsten Erkrankungen erkennen. Erfah­rene Mediziner sind bei solchen Diagnosen treffsicherer als unerfahrene, aber Studien zeigen: Google DeepMind ist darin sogar noch besser. KI ist heute bereits so gut, dass die US­-Zulassungsbehörde FDA gerade das erste Medizingerät zugelassen hat, das – ohne einen Arzt – eine diabetische Retinopathie am Augenhintergrund diagnostizieren kann.

Solche Tools haben weitere Vorteile: Sie arbeiten rund um die Uhr und wesentlich günstiger als der Mensch. Ärzte werden also nicht nur in den Quali­täts-­, sondern auch in den Preiswettbewerb gehen müssen. Und sie müssen sich fragen: Was haben wir, das die KI nicht hat? Oft lautet die Antwort: Empathie. Aber auch das könnte nicht reichen. Nicht nur, weil KI-­getriebene Avatare schon so menschlich wirken, dass sie psychologische Sprechstunden übernehmen können. Sondern auch, weil KI künftig andere – und weniger gut bezahlte – Gesundheitsberufe von der Krankenschwester bis zum Physiotherapeuten dabei unterstützen wird, ärztliche Aufgaben zu überneh­men. Für Empathie muss man nicht approbiert sein.

KI wird Medizin zum Massenprodukt machen. Die Preise werden fallen und Ärzte perspektivisch zu teuer werden. Patienten werden sich schon bald entscheiden können: Konsultiere ich einen Arzt? Oder lieber eine günstige KI, die immer erreichbar ist und über das Wissen von 5.000 Ärzten verfügt? Experten schätzen, dass von den rund 600 Millionen Arztkon­ takten im Jahr in Deutschland bald ein Drittel durch die KI wegfallen wird. Ärzte dürfen auf diese neue Konkurrenz nicht mit Blockade reagieren, sondern mit Veränderung. Sonst werden sie verändert.

CONTRA

Von Prof. Dr. Med. Giovanni Maio

Künstliche Intelligenz (KI) kann den Arzt unterstützen, aber sie kann dem Arzt die Diagnosestellung nicht abnehmen, einfach weil der Computer nur automatisiert vorgehen kann. Und selbst mit Deep Learning kann der Computer nicht das aufbringen, was nur ein Mensch kann: Faktenwissen mit implizitem Wissen zusammenbringen, Sachinformationen mit Erfahrungs-, Situations­ und Problemlösungswissen. Einen Tumor mag der Computer entdecken und möglicherweise auch klassifizieren. Aber er kann nicht sagen, was dem Patienten hilft. 

Bei algorithmischem Vorgehen bleibt zudem immer eine Fehleranfälligkeit. Der Computer kann sagen: Bei Muster A ist typischerweise die Wahrscheinlichkeit für die Diagnose B sehr hoch. Aber was, wenn die Symptome nur zufällig auftauchen und der Patient eigentlich etwas anderes hat? Der Computer besitzt eben nicht den gesunden Menschenverstand und eine praktische Urteilskraft. Deswegen kann er kein Ersatz für die letztgültige ärztliche Beurteilung sein, denn nur ein Arzt hat die Fähigkeit, den Lokalbefund mit dem Gesamtbild des Patienten zusammenzubringen.

Da eine Maschine grundsätzlich nur mathematische Modelle umsetzen – also nur kalkulieren – kann, wird sie nie verstehen können. Deshalb kann sie auch kein guter Ratgeber sein. KI macht auf dem Boden mathematischer Modelle eine Automatisierung von Entscheidungen zum Prototyp der Problemlösung. Automatisiert vorzugehen heißt aber nichts anderes, als unberaten vorzugehen.  

Eine Medizin, die sich nur noch auf die KI verlässt, scannt den Menschen ab wie eine Maschine, die repariert werden soll. Wenn man die Medizin der KI überlässt, folgt man damit einem Reduktionismus, den sich kein Patient wirklich wünschen kann. Medizin geht nicht auf in mathematischen Modellen. Sie braucht kalkulatorische Vernunft genauso wie emotionale und soziale Intelligenz – und das ist etwas ganz anderes als künstliche „Intelligenz“.