Assistenten mit Anspruch

PRO

VON PROF. DR. MARCUS HOFFMANN

Erstmals mit Physician Assistants (PAs) gearbeitet habe ich nach meinem Medizinstudium als Sanitätsoffizier im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Dort übernehmen PAs bestimmte ärztliche Aufgaben und bieten ebenso wie Nurse Practitioners – akademisierte Pflegekräfte – sogar eigene Sprechstunden an. Als Teamplayer empfand ich diese Kooperation, die es in den USA schon seit den 1960er Jahren gibt, als sehr angenehm. Deshalb war ich sofort Feuer und Flamme, als ich ab 2011 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg den ersten deutschen PA-Studiengang leiten und entwickeln durfte. 

Heute gibt es bundesweit acht Bachelor-Studiengänge, die sich an examinierte Fachkräfte wie etwa Pflegefachkräfte, Physiotherapeuten, medizinisch-technische Assistenten oder Notfallsanitäter richten. Was PAs in Praxis oder Klinik übernehmen dürfen, ist in einem Konzeptpapier von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung geregelt, das 2017 auf dem Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Der Kernsatz darin lautet: „Der Arzt überträgt dem PA delegierbare Aufgaben und wird so für seine Kernaufgaben entlastet und unterstützt.“ Welche Aufgaben der PA übernimmt, seien es eine OP-Assistenz, eine einfache Wundversorgung oder komplexe Dokumentationsprozesse, entscheidet immer der Arzt, nachdem er sich von Zeugnissen und Fähigkeiten überzeugt hat. Angst vor Kompetenz- oder Qualitätsverlust ist also unbegründet. 

Für Ärzte bietet der neue Beruf die Chance, sich wieder mehr auf ihr Kerngeschäft, die Behandlung von Patienten, zu konzentrieren. Für das Gesundheitssystem ist er ein Segen, weil er durch eine attraktive Berufsperspektive dem akuten Fachkräftemangel entgegenwirkt. Auch die Furcht, durch eine Lawine von PAs arbeitslos zu werden, muss kein Heilberufler haben. Wir sprechen zurzeit von 450 Absolventen verschiedener PA-Programme – deutschlandweit. Zum Vergleich: Nach offiziellen Angaben fehlen aktuell in Deutschland allein über 2.500 Hausärzte.

 


 

CONTRA

VON JULIAN VEELKEN

Schon auf dem Ärztetag 2008 habe ich zusammen mit Kollegen davor gewarnt, den Beruf des Physician Assistant in Deutschland einzuführen. Damals wurde unser Antrag fast einstimmig verabschiedet. Als 2017 der Deutsche Ärztetag ein viel weiter gehendes Papier zum Thema PA verabschiedete, war ich einigermaßen erschrocken. Denn unsere Vorbehalte bestehen noch immer. Wer den PA einführen will, muss wissen: Der Arzt-Patienten-Kontakt wird unter dem neuen Beruf auf jeden Fall leiden. Und er wird Arztstellen kosten. 

Beispiel OP-Assistenz: Normalerweise werden Ärzte hier Schritt für Schritt herangeführt. Zuerst beobachten sie, dann assistieren sie, am Ende operieren sie selbst. PAs lernen die praktische OP-Assistenz bereits in ihrem Studium – und sie sind günstiger. Mit anderen Worten: Hier wird ein Verdrängungswettbewerb zulasten von Ärzten in Weiterbildung stattfinden. Es gibt bereits private Krankenträger, die ärztliche Einsatzzeiten im OP auf diese Weise reduzieren. Ein anderes Beispiel ist die Dokumentation: Im Krankenhaus wird jetzt schon erfasst, wie viele Minuten der Arzt für Dokumentation und Kodierung benötigt. Diese Zeiterhebung ist Grundlage der ärztlichen Stellenpläne. Erledigen PAs in Zukunft einen Großteil der Dokumentation, wird das auf die Arztstellen umgelegt. Dass Medizinern durch die Einführung des PA mehr Zeit für ihre Kernaufgaben bleibt, ist eine Fiktion – das Gegenteil wird der Fall sein.

Das Konzeptpapier von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung spricht von „Delegation statt Substitution“. Demnach könnten PAs künftig etwa die „Vorbereitung von OP-Berichten“ oder die „Vorbereitung von Anamnesegesprächen“ übernehmen. In Wahrheit wird durch diese „Vorbereitung“ der Arzt schleichend ersetzt: Künftig werden Ärzte zur Anamnese die Aufzeichnungen des PAs überfliegen und diese anschließend mit ihrer Unterschrift validieren. Nominell haben sie damit die Diagnose übernommen – das Gespräch mit dem Patienten hat aber zum großen Teil der PA geführt.

 

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